Belastung & Zweifel · 4 min.

Ich habe 3 Jahre eine notfallmedizinische Ausbildung gemacht. Das was ich täglich aber mache, ist etwas ganz anderes. Die wirkliche Notfallmedizin nutze ich in ca. 5-10% der Einsätze.

Versteht mich bitte nicht falsch, wenn ich sage, dass das was wir in der Ausbildung gelernt haben überhaupt nicht das abbildet, was in der Realität "auf der Straße" passiert. Ich meine überhaupt nicht, dass das irrelevant ist, was wir in der Rettungsdienstschule gelernt haben. Viel mehr bin ich der Meinung, dass das was wir gelernt haben, viel zu wenig ist und den meisten Patient:innen nicht gerecht wird. 

3 Jahre Medizin

In der Ausbildung war ich extrem genervt, wenn berufserfahrene Notfallsanitäter:innen mir dauernd gesagt haben "auf der Straße läuft das anders als das, was ihr in der Schule gelernt habt." Ich war davon genervt, dass notfallmedizinisch nicht so gearbeitet wurde, wie ich es in der Ausbildung beigebracht bekommen habe. Es fängt bei banalen und einfachen Dingen an, wie das Abwischen nach der Hautdesinfektion und dem erneuten benetzen der Haut, bevor der Zugang etabliert wird. Aber auch schwerwiegendere Dinge, wie dass Patienten mit Schmerzen ins Krankenhaus gefahren wurden, weil das ja immer so gemacht wurde. Ich war genervt, weil es ja einen Grund hatte, warum wir das in der Schule anders gelernt haben. Wir haben das so gelernt, weil es dem medizinischen Standard und aktuellem Wissensstand entspricht. Und genau so sollten Patient:innen da draußen ja auch behandelt werden. Dinge wurden oft aus Faulheit nicht gemacht, oder weil Rettungsdienstpersonal darin keinen Mehrwert sahen. Was viele nur nicht verstehen: Viele Entscheidungen beeinflussen das Outcome des Patienten maßgeblich, auch wenn wir das nicht direkt sehen können. Sei es das Anstreben eines bestimmten Zielblutdrucks beim Stoke oder der permissiven Hypotonie beim Polytrauma. Nur weil wir das nicht sehen, heißt das noch lange nicht, dass es keinen Effekt auf die Patient:innen hat. Und genau diese Problematik existiert genau so wie beschrieben, soll aber garnicht der Fokus dieses Beitrags sein.

Denn sie wissen nicht, was sie tun.

Subakute Notfälle werden nicht abgebildet

Der Fakt, auf den ich hinaus will, ist viel mehr, dass die Ausbildung drei Jahre intensiv Notfallmedizin behandelt. Und das ist auch genau richtig so, weil genau dafür werden wir ja ausgebildet. Das müssen wir einwandfrei im Schlaf können. Was aber kaum abgebildet wird ist die Einsatzrealität, die eben genau nicht aus diesen Einsätzen besteht. Sie besteht zu einem Großteil aus Einsätzen, die schon einen zeitlich relevanten Behandlungsbedarf erheben, jedoch nicht zwingend mit einem Rettungswagen in ein Krankenhaus transportiert werden müssen. Das sind die schon in dem Zwischentitel genannten subakuten Notfälle. Eine dreijährige Ausbildung ist allerdings begrenzt. Man kann nicht unendlich viel Stoff in die Ausbildung packen, sondern muss sich genau überlegen, was im Lehrplan stehen soll und was nicht. Und klar, ist die Notfallmedizin da das wichtigste, weil wenn wir das nicht beherrschen, sterben im schlimmsten Fall Menschen. Menschen sterben aber auch, wenn bei augenscheinlich nicht dringenden Einsätzen falsche Entscheidungen getroffen werden, weil Patient:innen im Verlauf doch kritisch erkrankter sein können als zunächst angenommen. Wann lasse ich also jemanden zuhause und wann nehme ich jemanden mit? Das sind scheinbar banale Fragen, auf die wir in der Ausbildung keine Antwort, keinen Behandlungspfad, keine Tools an die Hand bekommen haben, die uns bei einer solchen Entscheidung irgendwie helfen könnten. Und in meinem Gefühl ist das auch genau das, wie es dann gehandhabt wird. Die Patient:innen werden "nach Gefühl" zuhause gelassen. Nicht nach Evidenz, nicht nach Patient:innenwillen und manchmal findet dann doch ein Transport aufgrund irgendeines Vitalparameter statt, der jetzt Unsicherheit schürt. Aber ob das jetzt für genau die Situation ein Problem ist, weiß niemand so genau.

Im Zweifel mitnehmen

Das ist dann die andere Meinung, die man dazu oft hört. Sicherheitshalber einmal zu viel mit ins Krankenhaus nehmen, damit man nichts übersieht. Und der Gedanke dahinter ist total klar. Wir können vor Ort kein Blut abnehmen, in der Regel kein Ultraschall machen und schon gar kein Röntgen oder CT. Wir haben also nur einen sehr begrenzten Einblick in das, was im Körper der Patient:innen überhaupt abgeht. Damit das gemacht werden kann, wird dann häufig ein Transport in ein Krankenhaus angeraten. Aber geht es da immer um eine gute Versorgung der Hilfeersuchenden oder vielleicht doch eigentlich immer nur um den Hintergedanken, dass man dann rechtlich auf der sicheren Seite ist? Die Entscheidung gegen einen Transport ist medizinisch viel anspruchsvoller als für einen Transport. Diese defensive Medizin ist zum Teil und bei bestimmten Krankheitsbildern bestimmt notwendig und wichtig, allerdings belastet sie im Gegenzug auch das Gesundheitssystem. Wenn wir jede:n Patient:in in ein Krankenhaus transportieren, geben wir letztendlich nur die Verantwortung ab, die dann jemand anderes tragen muss und einen anderen Teil des Systems belastet. Dafür haben wir dann wieder mehr Zeit, um noch mehr Einsätze abzuarbeiten, die auch das Potenzial haben, das System nur weiterhin zu belasten. Aber wie kommen wir daraus? Andere Länder sind da meiner Meinung nach weiter. So gibt es häufig auch schon Paramedic-Studiengänge. Diese bieten den Vorteil, dass man sich die Wissenschaft hinter dem Beruf noch einmal um einiges genauer anschauen kann und dadurch dann auch ein viel tieferes Verständnis dafür erlangen kann, warum man jemanden jetzt zuhause lassen kann oder nicht. Ein Studiengang hat nicht diese strikte Drei-Jahres-Begrenzung. Er kann auch länger gehen, oder Dinge können in den Master ausgelagert werden. So bieten sich ganz andere Möglichkeiten, weiteres Wissen anzueignen oder den Körper tiefergehend zu verstehen. Irgendwann wird dieser Schritt in Deutschland auch kommen, aber das wird noch dauern. Und ich weiß nicht, ob ich bereit bin, so lange zu warten. Ganz abgesehen davon haben die meisten Notfallsanitäter:innen die Ausbildung ja gemacht, weil sie Leben retten wollen. Und das tut man im Alltag ziemlich selten. Natürlich weiß man das inzwischen von Anfang an, aber das in der Realität zu erleben ist noch einmal etwas ganz anderes. Und viele denken wahrscheinlich auch, dass subakute Notfälle eine Grenze haben, haben sie aber nicht! Und ich hab das Gefühl es werden immer mehr. Das System ist seit Jahren starr und ändert sich nicht. Und das, obwohl wir seit Jahren darum bitten, dass sich endlich was ändert. Aber am Ende wird man dann doch irgendwie im Regen stehen gelassen. Und genau das ist auch das, was die Mitarbeitenden stört: Natürlich wird immer gesagt, man soll sich Hilfe suchen, wenn man mal mit einem Einsatz nicht klargekommen ist oder etwas nicht verarbeiten kann. Trotzdem hat man durch das hohe Einsatzaufkommen in Kombination mit dem Personalmangel ein so hohes Arbeitspensum, dass das System garnicht die Rücksicht nehmen kann, die es sollte. Das würde ja dazu führen, dass mehr Personal ausfallen würde (was längst ausfallen sollte weil es auf dem Zahnfleisch läuft und nicht einmal die eigenen Erlebnisse verarbeiten kann). Solange man arbeitet, hält das System einen. Sobald das aber ein Problem wird, weil man nicht mehr genauso leistungsfähig ist stört das. Die kränksten Menschen im Gesundheitswesen sind die Mitarbeitenden.

Blick aus dem Rettungswagen in der Abenddämmerung
Blick aus dem Rettungswagen in der Abenddämmerung

[Was davon bleibt]

[Reflektierter Schluss: Was hat sich verändert? Welche Frage bleibt offen? Was sollen Leserinnen und Leser mitnehmen?]

Danke fürs Lesen.Gedanken dazu teilen